Neu Verzapftes und frisch Gefischtes. Schreibsel aus unserem Alltag.

Von vergifteten Seen und stummen Fischen

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Wäre die Abstimmungsfreude ein See, meiner wäre mittlerweile fast ausgetrocknet. Früher – da gab sie noch etwas her. Gross, Tief und kraftvoll wie das Meer. Damals quitschte ich noch freudig mit den Enten, kämpfte gegen stumme Fische und wich den Propagandawellen aus.

Meist schwamm ich gegen den Strom – vor allem bei grossen Ausländerfragen. Die Schweiz duldet weder kanadische Forellen noch Nemos in ihren Gewässern. Höchstens Goldfische mit Namen wie Turner, Kamprad oder Schuhmacher sind Willkommen.

Wie Schuppen fiel es mir vor zehn Jahren von meinen kleinen Fischäuglein. Damals stimmten wir über die automatische Einbürgerung der 3. Generation ab. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass die Initiative abgelehnt wird. Und doch wurde sie abgeschmettert. Sobald es um das Fremde geht, drehen unsere Barsche, Eglis und so weiter durch. Als ob die Linken einen Hai im Becken aussetzen wollten. Da nützen weder Argumente noch Appelle an die Menschlichkeit oder Streitgespräche.

Mittlerweile macht sich bei mir sowas wie Zynismus, Resignation, Mir-doch-egal-Denken breit. Ecopop? Stimmt doch ja! Endlich mal eine Abstimmung gegen Ausländer mit Schlagkraft. Und die SVP soll nur die Verantwortung übernehmen. Wer jahrelang Gift in den See schüttet, muss sich nicht wundern, wenn nur Einzeller überleben.

Zum Glück habe ich Freunde. Freunde, die mir an unseren eingebürgerten Abstimmungsabenden mehr oder weniger intensiv ins Gewissen reden. Und mir ein Bier zustrecken. Deshalb habe ich nun trotzdem nicht trotzig abgestimmt. Sondern ein klares Nein. Ich hoffe, ich bin diesmal in der Mehrheit. Sonst pflüge ich den Seeboden um und pflanze Ananas an – oder Kiwis und Kaffee.

Ps. Kann mir jemand erklären, warum wir in Bern Abstimmungsunterlagen frankieren müssen?

Pps. “Nein” – “Nein” – “Nein, nein”. Was Peter Bichsel zu Ecopop im Speziellen und Volksabstimmungen allgemein denkt. Wie immer mehr als lesenswert!

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Die Zukunft läuft sich warm

Wer ermöglicht guten Journalismus, wenn das klassische Printmodell zum Papiertiger wird? Die neue Generation an Mediennutzer, die gut und gerne für Apps und Inhalte zahlt? Firmen, die sich mit Journalisten schmücken? Oder doch die spendablen Freiwilligen, ebenso reich wie rar?

Der freie Journalist Harald Willenbrock sieht in «Biete Text, suche Markt» drei Geldgeber sich warm laufen. Lesenswert, auch auf dem Bildschirm. Und ganz gratis.

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Thomas, der Professor

Heute hat Thomas Geburtstag. Thomas ist mein Nachbar. Nicht einer von denen, die man nie sieht und hört – ausser sie machen Party oder haben Sex. Nein, nein. Einer, über den ich täglich stolpere. Er sitzt fast immer auf dem grauen Mäuerchen vor unserer Häuserzeile. Seine braunen Hosen bis zum Bauchnabel hochgezogen und mit einem Gurt festgezerrt. Eine Mütze tief über seine graue Haare gezogen. Jetzt im Herbst tropft seine grosse Nase etwas. Aus seinem Mund fliessen die Wörter das ganze Jahr hindurch – sei es nur, um zu fragen: „Hesch mr no chli öpis?“

Meist habe ich ihm etwas, manchmal auch nur etwas Zeit. Denn Thomas hat Grosses vor. Er will Professor werden. Hin und her schreitend, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, den Blick gesenkt, referiert er gerne vor sich hin. Wirtschaft ist sein Thema. Die Zinsen beschäftigen ihn, und die arme Familie, die sich kein Haus mehr kaufen kann. Weil der Zins zu hoch ist. Und der König will kein Geld mehr geben, um die Wände zu tapezieren. Oder so. Ganz die Durchsicht habe ich nicht.

Zum Glück dauern seine Monologe jeweils nur zehn Minuten. Ihm ist das egal – er war schon beim Uniprofessor vorstellig geworden. Leider wollte dieser ihm nicht erlauben, sein Referat zu halten. Enmutigen lässt Thomas sich davon nicht. Sitzt sattdessen wieder in die Vorlesungen. Eine Kollegin sieht ihn ab und zu. Einmal wurde er vom Professor ermahnt, weil er zu laut mit sich selbst sprach.

Wenn er nicht an der Uni ist, verkauft er das Surprise. Manchmal kaufe ich ihm eine ab. Anfänglich dachte ich: “Das ist mal einer, der nimmt nicht die ganze Hand, wenn man den Finger hinhält.” Das wäre etwas übertrieben. Mittlerweile springt er fast auf die Strasse, wenn er mich sieht. Ein Vorbeigehen ohne einen kurzen Schwatz undenkbar.

Und heute eben, heute hat er Geburtstag, laut seinen eigenen Aussagen. Ich weiss natürlich nicht, ob es stimmt. Ich weiss auch nicht, wie alt er wird. Aber seit über einem Monat, wiederholt er es mantramässig. Dann wird wohl was dran sein. Er wünscht sich eine Freundin, damit er nicht immer für den Sex zahlen müsse. Aber da kann ich ihm nicht helfen. Zum Glück stehen auf seiner Wunschliste auch profanere Dinge wie Zigarren und Schokolade.

Nach dem Arbeiten ging ich etwas müde in den Kiosk. Packte da zwei Schachteln Zigarren – und noch eine Dritte – schliesslich hat Thomas sicher nicht so viele Freunde, die ihm was schenkten, dachte ich. Die Kassiererin scannte ein und sagte: 52 Franken. Was???`Perplex legte ich das Geld hin. Wusstet ihr, dass fünf Rössli Stumpen 6 Franken kosten und gleich viel Dannemann-Zigarren 20 Franken? Jetzt wird Thomas ein teures Geburigeschenk erhalten. Ich weiss nicht, ob ers wirklich zu schätzen weiss. Warscheinlich wären ihm 9 Rössli-Päckli lieber gewesen… Oder er kommt auf den Geschmack von teuren Zigarren. Dann hat der “Blick” seine nächste Sozialschmarotzer-Kampagne – und ich ein schlechtes Gewissen.

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Frech, frecher, NZZ

Wie viel bin ich oder besser meine Arbeit als freie Schreiberin wert? Nicht immer viel, selten wenig, nie genug und immer ist alles verhandelbar. Schliesslich geht es ja nicht nur ums Geld – Ruhm und Ehre, Spiel und Spass, nettes Herz und so weiter. Dennoch: Irgendwo ist Schluss. Und zwar dann, wenn ein renomiertes, reiches Haus wie die NZZ einem Freien gerade mal 140 Fränkli für einen Feuilleton-Artikel mit 6000 Anschlägen zahlt. Gelesen und genervt in der Medienwoche. Definitiv einen Fall für unsere schwarze – zwar noch nicht existente aber dringend notwendige – Liste!

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Hommage an die Schreibmaschine

Schreibmaschinen sind so was von cool. Hip. Schick. Oder welches Wort auch immer gerade in ist, um zu beschreiben, wie angesagt etwas ist. Obwohl Schreibmaschinen ja irgendwie immer WOAH sind, wie ich finde. Zeitlos zeitgemäss halt. Einen Beweis liefert der brasilianische Künstler Alvaro Franca, der seine Lieblingsautoren tippst. Schreibkunst über Schreibkünstler, sozusagen.

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10 Dinge, die ich am freien Arbeiten liebe

Listen haben immer Platz! Und da ich nach der Knechtschaft (darüber später mehr) meine Arbeit wieder so richtig liebe, folgt hier meine Top Ten, warum sich JEDER SOFORT selbstständig machen sollte. Weil man…

1) …im Sommer zwar arm und nicht unbedingt sexy ist – dafür aber Zeit hat. Zeit zum Aare bädle, böötle, Bier trinken, Hütte helfen. Sonne geniessen. Leben.

2) …gegen den Strom schwimmen kann. Sprich: Massenandrang an der Aare am Sonntag? Kein Problem – Montag ist auch noch schön!

3) …die Herrschaft über die Zeit hat (und wer herrscht nicht gerne?)

4) …kein Sklave sein will. Warum sich für andere verausgaben? Für sich selbst macht es viel mehr Spass – und mehr Sinn!

5) …gleich viel verdient wie der Chef. Oder gleich wenig. Lohnschere Ade.

6) …sich mit Freunden austoben kann.

7) …Ferien nicht mit Ferien verbringen muss. Zwei Wochen auf einen Ponyhof, eine Woche Lager leiten, zwei Wochen SAC-Hütte – kein Problem.

8) …Das Leben dadurch abwechslungsreicher..

9) …und weniger trottig wird (ich weiss, das Wort gibt es nicht – aber es müsste erfunden werden!)

10) …sich ganz gut kennen lernt. Ok. Das ist nun nicht immer ein Vorteil.. Die Hassliste folgt – zu 99 Prozent im Winter.

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