Thomas, der Professor

Heute hat Thomas Geburtstag. Thomas ist mein Nachbar. Nicht einer von denen, die man nie sieht und hört – ausser sie machen Party oder haben Sex. Nein, nein. Einer, über den ich täglich stolpere. Er sitzt fast immer auf dem grauen Mäuerchen vor unserer Häuserzeile. Seine braunen Hosen bis zum Bauchnabel hochgezogen und mit einem Gurt festgezerrt. Eine Mütze tief über seine graue Haare gezogen. Jetzt im Herbst tropft seine grosse Nase etwas. Aus seinem Mund fliessen die Wörter das ganze Jahr hindurch – sei es nur, um zu fragen: „Hesch mr no chli öpis?“

Meist habe ich ihm etwas, manchmal auch nur etwas Zeit. Denn Thomas hat Grosses vor. Er will Professor werden. Hin und her schreitend, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, den Blick gesenkt, referiert er gerne vor sich hin. Wirtschaft ist sein Thema. Die Zinsen beschäftigen ihn, und die arme Familie, die sich kein Haus mehr kaufen kann. Weil der Zins zu hoch ist. Und der König will kein Geld mehr geben, um die Wände zu tapezieren. Oder so. Ganz die Durchsicht habe ich nicht.

Zum Glück dauern seine Monologe jeweils nur zehn Minuten. Ihm ist das egal – er war schon beim Uniprofessor vorstellig geworden. Leider wollte dieser ihm nicht erlauben, sein Referat zu halten. Enmutigen lässt Thomas sich davon nicht. Sitzt sattdessen wieder in die Vorlesungen. Eine Kollegin sieht ihn ab und zu. Einmal wurde er vom Professor ermahnt, weil er zu laut mit sich selbst sprach.

Wenn er nicht an der Uni ist, verkauft er das Surprise. Manchmal kaufe ich ihm eine ab. Anfänglich dachte ich: “Das ist mal einer, der nimmt nicht die ganze Hand, wenn man den Finger hinhält.” Das wäre etwas übertrieben. Mittlerweile springt er fast auf die Strasse, wenn er mich sieht. Ein Vorbeigehen ohne einen kurzen Schwatz undenkbar.

Und heute eben, heute hat er Geburtstag, laut seinen eigenen Aussagen. Ich weiss natürlich nicht, ob es stimmt. Ich weiss auch nicht, wie alt er wird. Aber seit über einem Monat, wiederholt er es mantramässig. Dann wird wohl was dran sein. Er wünscht sich eine Freundin, damit er nicht immer für den Sex zahlen müsse. Aber da kann ich ihm nicht helfen. Zum Glück stehen auf seiner Wunschliste auch profanere Dinge wie Zigarren und Schokolade.

Nach dem Arbeiten ging ich etwas müde in den Kiosk. Packte da zwei Schachteln Zigarren – und noch eine Dritte – schliesslich hat Thomas sicher nicht so viele Freunde, die ihm was schenkten, dachte ich. Die Kassiererin scannte ein und sagte: 52 Franken. Was???`Perplex legte ich das Geld hin. Wusstet ihr, dass fünf Rössli Stumpen 6 Franken kosten und gleich viel Dannemann-Zigarren 20 Franken? Jetzt wird Thomas ein teures Geburigeschenk erhalten. Ich weiss nicht, ob ers wirklich zu schätzen weiss. Warscheinlich wären ihm 9 Rössli-Päckli lieber gewesen… Oder er kommt auf den Geschmack von teuren Zigarren. Dann hat der “Blick” seine nächste Sozialschmarotzer-Kampagne – und ich ein schlechtes Gewissen.

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